Dieser Blogbeitrag gibt einen Überblick über die Sprachentwicklung bis zum Alter von 2 Jahren:
- Er reicht von den ersten Lautäußerungen der Babys bis zu ihren ersten Wortkombinationen
- Ich erzähle euch, wie der Wortschatz wächst und wie er im Gehirn organisiert ist
- Außerdem geht es um die frühe Aussprachentwicklung (und darum, welche Aussprachefehler in dieser Zeit ganz natürlich auftreten)
Die ersten 12 Monate
Die erste Frage, die sich alle Eltern stellen, während sie vor ihren Babys sitzen, Rasseln schwenken, Quietschgiraffen drücken und Bäuche massieren: Wann sprechen Kinder ihre ersten Wörter?! Erst gestern Abend hat mir mein Mann Frank erzählt, wie schwierig die ersten Monate für ihn waren, weil er nicht so recht wusste, wie er mit unserem Sohn kommunizieren sollte.
Deshalb wollte ich im heutigen Blog kurz zusammenfassen, welche Phasen Kinder durchlaufen und was wir in diesen Zeiten beobachten können. Hört auch gerne in unseren Podcast Logopädie kompakt rein. In einer Folge erzählen wir von unseren Erfahrungen aus der logopädischen Praxis und wie wir diese Zeit mit unseren Kindern erlebt haben.
Der Einfachheit halber spreche ich hier im Blog von Eltern, Müttern und Vätern, gemeint sind aber natürlich alle Bezugspersonen eines Kindes. Alle, die sich um die kleinen Wonneproppen kümmern und ihnen ihre Zeit, Liebe und Geduld schenken. Die mit ihnen lachen, weinen, schreien, quietschen und herumtoben :-).
Und bitte behaltet beim Lesen im Hinterkopf: Die Altersangaben hier sind eine grobe Orientierung. Kinder entwickeln sich alle unterschiedlich. Manchmal haben wir das Gefühl, dass das Kind über Nacht dazulernt, und wir glauben, ein anderes Kind vor uns zu haben; manchmal warten wir wochenlang auf irgendeinen Fortschritt. Wichtig ist, nicht übermäßig ängstlich zu werden und genau hinzuschauen. Wenn ihr euch Sorgen macht, tragt diese Sorgen nicht mit euch herum. Folgt eurem Bauchgefühl und fragt nach, wenn ihr unsicher seid. Sprecht mit Freund:innen oder anderen Eltern, sprecht mit eurer Kinderarztpraxis oder holt euch Rat bei nichtärztlichen Fachleuten (z.B. Logopäd:innen).
Quietschen und Bäuerchen: Die vorsprachliche Phase der Sprachentwicklung
Die ersten Monate der Sprachentwicklung werden auch als vorsprachliche Phase bezeichnet, weil die Äußerungen der Kinder noch nicht an eine Bedeutung gebunden sind (vgl. Yavas, 1998). Wenn Babys quietschen oder „ba“ sagen, versuchen sie noch nicht, ein Spielzeug zu benennen oder Oma zu bitten, ihnen den Kuschelbären zu geben.
Die ersten Äußerungen, die wir beobachten können, sind zum Beispiel vegetative Laute, wie Schmatzen oder Aufstoßen, oder reflexhafte Reaktionen, wie Niesen.
Natürlich gehört auch das Weinen zu den allerersten Äußerungen. Eltern lernen sehr schnell, dass es verschiedene Formen des Weinens gibt. Mal tut der Bauch weh, mal beschweren sich die Kleinen über das grelle Licht im Gesicht. Grob lassen sich das „normale Schreien“ und das „Schmerzschreien“ unterscheiden. Spannend ist hier, wie Mampe und ihre Kolleg:innen (2009) in ihrer Studie herausfanden, dass die Sprachmelodie des normalen Schreiens von der Muttersprache abhängt. Ein französisches Baby weint also anders als ein deutsches! Das zeigt deutlich, wie früh Babys lernen, die Sprache ihrer Umgebung wahrzunehmen, und wie sich das auf ihre Äußerungen auswirkt.
Wenn ihr mehr darüber erfahren möchtet, empfehle ich euch Patricia Kuhls TED-Talk. Er ist auf Englisch, es gibt aber deutsche Untertitel und ein deutsches Transkript.
Die Lautentwicklung
In den ersten Monaten der Sprachentwicklung lernen Kinder, Laute willentlich zu bilden. Sie probieren gerne aus, spielen mit Zunge und Lippen, und ab etwa 3–4 Monaten gelingt es ihnen, Vokale (a, e, i, o, u) zu bilden. Und es passiert noch etwas, worauf die Eltern sehnsüchtig gewartet haben: Die Kinder fangen an, hörbar zu lachen. Juhu!
Mit etwa 5–6 Monaten beginnt das sogenannte Lallen bzw. Babbeln. Grob werden zwei Lallphasen unterschieden (ausführlichere Informationen findet ihr bei Fox-Boyer & Schäfer, 2015; Nathani, Ertmer & Stark, 2006).
In der ersten Lallphase experimentieren die Kinder mit Lauten, verändern Lautstärke und Tonhöhe, und wir hören die ersten Kombinationen aus Konsonanten und Vokalen (z.B. „ma“ und „ba“). Diese Produktionen sind „universell“, d.h., alle Kinder können alle Laute dieser Welt bilden. In der zweiten Lallphase (ab etwa 9 Monaten) werden die Konsonant-Vokal-Äußerungen länger (z.B. „gagaga“) und schließlich vielfältiger (z.B. „bagadidi“).
In dieser Zeit passen sich die Äußerungen auch an die Umgebungssprache an, es wird also munter auf Persisch, Russisch oder Japanisch gebabbelt. Und das ist gut so, denn eine Übersichtsarbeit von Morris (2010), die verschiedene Studien zum Lallen ausgewertet hat, fand einen Zusammenhang zwischen dem Lallen und der späteren Sprachentwicklung. Zweijährige, die im Vergleich zu Gleichaltrigen wenig sprachen, hatten vorher weniger gelallt (siehe auch Fasolo et al., 2008).
Da ist es, das erste Wort!
Rund um den ersten Geburtstag warten alle Eltern gespannt auf den Moment, in dem ihr Baby sein erstes Wort sagt. Diese ersten Wörter sind aber gar nicht so leicht zu erkennen. Viele klingen genau wie Lallen. Eines der ersten Wörter meines Sohnes war „babe“, eine Lautkombination, die wir schon Monate vorher gehört hatten. Was macht so eine Lautfolge also zu einem Wort? Nun, Ragnar sagte das Wort immer dann, wenn wir auf dem Bett saßen und das Spiel „Lampe an, Lampe aus“ spielten. Das heißt, er verband das Wort „babe“ immer mit der Lampe. Und er fing an, diese bestimmte Lautkombination systematisch mit der Bedeutung „das Ding, das Mama immer an- und ausmacht“ zu verknüpfen. Entscheidend war also nicht, dass das Wort wie in der Erwachsenensprache klang, sondern dass dieselbe Äußerung bewusst für einen bestimmten Gegenstand verwendet wurde.
Es ist erstaunlich, was die kleinen Racker in den ersten 12 Monaten leisten! Aber auch ihr als Eltern dürft euch kräftig auf die Schulter klopfen. Denn es ist verdammt anstrengend, der Aufmerksamkeit der Kinder zu folgen und ihnen sprachlichen Input zu geben, ohne dass viel zurückkommt. Ihnen immer wieder ein sprachliches Vorbild zu sein und ihnen Raum zur Kommunikation zu bieten, um ihnen den Start in die Sprachentwicklung zu erleichtern.
13–24 Monate
Ich erinnere mich noch gut: Die ersten 3–4 Wörter waren endlich da, und ich dachte, juhu, jetzt können wir uns unterhalten und ich kann besser auf seine Bedürfnisse eingehen. Leider dauerte es nach den ersten paar Wörtern lange, bis das nächste dazukam, und dann wieder, bis das übernächste auftauchte. Seid also nicht enttäuscht. Jedes neue Wort ist für die Kleinen harte Arbeit.
Die Wortfabrik nimmt ihre Arbeit auf
Schließlich müssen Kinder beim Wortlernen viele Aufgaben gleichzeitig meistern: Sie sehen Personen und Gegenstände in unterschiedlichen Zusammenhängen. Sie müssen verstehen, wie diese miteinander zusammenhängen und was verschiedene Dinge bedeuten. Die Fragen „Wie sieht das Ding aus?“ und „Was kann ich damit machen?“ spielen dabei eine wichtige Rolle. Einen Apfel kann man zum Beispiel essen, er ist rund … Eine Banane kann man auch essen, aber sie sieht ganz anders aus. Beide liegen in der Küche in der Obstschale. Außerdem hören die Kinder eine Flut von Sprache und müssen herausfinden, welcher Teil davon sich auf den Gegenstand „Apfel“ oder „Banane“ bezieht. Und wenn sie einen Begriff gehört und verstanden haben, müssen sie eine Lautkette bilden, die ähnlich klingt wie das, was ihr Gegenüber gesagt hat. Dann müssen sie sich überlegen: „Hm, meine Tante hat mir dieses gelbe krumme Ding zum Essen angeboten. Das kenne ich! So etwas Ähnliches gibt es in unserer Küche. Was sie zu mir gesagt hat, waren viele Laute. Aber ich habe mir nur ‚Nane‘ gemerkt, /n/ und /a/ kann ich schon sagen. /n/ kenne ich von ‚Nase‘ und /a/ von ‚Papa‘. Also probiere ich es mit ‚Nane‘, wenn sie mir das nächste Mal so etwas vor die Nase hält.“ Und die Tante freut sich riesig, wenn sie beim nächsten Besuch eine Banane aus der Tasche zieht und der Neffe „Nane“ brabbelt.
Das Lexikon wächst und passt sich an
Wortbedeutung und Wortform von „Banane“ wurden vom Kind miteinander verknüpft. Das neue Wort wird im Lexikon abgespeichert. Beim Aufbau des Lexikons geht das Verstehen dem Sprechen voraus. Das heißt, Kinder können schon viel mehr Wörter verstehen, als sie selbst sagen können. Ab etwa 10 Monaten zeigen Kinder ein Wortverständnis (rezeptiver Wortschatz), während die ersten gesprochenen Wörter (man spricht vom expressiven Wortschatz) erst mit etwa 12–13 Monaten zu erwarten sind. Beim Lernen neuer Wörter gleichen Kinder die neuen Lautketten mit Lauten und Lautkombinationen ab, die sie bereits gespeichert haben (z.B. Graf Estes et al., 2016). Deshalb fällt es ihnen leichter, neue Wörter zu lernen, die wie bekannte klingen. Für diese haben sie schon Wortschablonen, die sie wiederzuverwenden oder leicht abzuwandeln versuchen. Meine Tochter Thorvi zum Beispiel hat neulich beim Kartoffelsalat geholfen. „Egg yolk“ und „egg white“ (Eigelb und Eiweiß) waren noch nicht in ihrem Lexikon gespeichert. „Egg white“ war schnell begriffen, weil sie sowohl „egg“ (Ei) als auch „white“ (weiß) kannte. Aus „egg yolk“ wurde „egg yoyo“ (das englische „yolk“ klingt ähnlich wie „yoyo“, also Jo-Jo – und mit dem Jo-Jo ihres Bruders hat sie schon oft gespielt). Als ich ihr dann über korrektives Feedback mehrmals „egg yolk“ angeboten habe, fing sie an, ihre Wortschablone anzupassen, und sagte schließlich „egg yolk“.
Und so werden die Äußerungen der Kinder mit der Zeit immer wieder aktualisiert, werden deutlicher und nähern sich der Wortform der Erwachsenen an. Ragnar nannte sich am Anfang „Nana“, dann „Nager“, gefolgt von „Rana“, bis er schließlich „Ragnar“ sagen konnte. Auch innerhalb eines Gesprächs unterscheiden sich die Wortproduktionen. Beim Kartoffelschälen ist die Kartoffel zum Beispiel mal ein „Papoffel“, mal ein „Toffel“ oder „Tatel“. Diese Variabilität in der Wortproduktion ist bis etwa 3 Jahre völlig normal und zeigt sich besonders bei längeren Wörtern oder Mehrwortäußerungen (vgl. Schäfer & Fox, 2006). Ich finde diese neuen Wortschöpfungen und Wortvarianten total spannend.
Wenn der Löwe zur Ziege wird – das Lexikon wird ständig aktualisiert
Oma läuft mit ihrer Enkelin durch den Zoo, und mit großen Augen beobachten die beiden die Löwen, die gemächlich vom Felsen zum Futterplatz schlendern, um ihr Mittagessen zu holen. Danach geht es weiter in den Streichelzoo, wo die Ziegen genüsslich ihr Gras fressen. Die Kleine zeigt fröhlich auf die Ziege und sagt „Löwe“. Huch, was ist da passiert? Das ist ein klassisches Beispiel für eine Übergeneralisierung (oder Überdehnung). Die Merkmale, die das Kind für den Löwen gespeichert hat (hat 4 Beine, hat ein Maul zum Fressen), sind mit derselben Wortform („Löwe“) verknüpft. Also heißen alle Tiere, die 4 Beine und ein Maul zum Fressen haben, „Löwe“. Es ist fantastisch, wie das Kind gelernt hat, Merkmale an verschiedenen Gegenständen zu erkennen und abzugleichen. Mit der Zeit müssen Kinder lernen, die Zahl der Merkmale zu erweitern. So können sie Tiere unterscheiden und verschiedene Wortformen verwenden. Auch das Umgekehrte kann passieren (= Untergeneralisierung oder Unterdehnung). Das Wort „Ball“ wird zum Beispiel nur für den weichen, gepunkteten Ball verwendet, den Onkel Jarek mitgebracht hat. Hier muss das Kind lernen, dass alles Runde, das man werfen kann, auch ein Ball ist, unabhängig von Größe, Farbe oder Herkunft. Na ja, fast – das heißt natürlich nicht, dass die Orange oder die dekorative Glaskugel auf dem Wohnzimmertisch geworfen werden sollen. Ihr seht, Bedeutungen, Funktionen und Begriffe zu lernen, ist nicht einfach. Und wir alle erweitern und vertiefen unseren Wortschatz unser ganzes Leben lang (ich habe neulich gelernt, was mit Bioenergetik gemeint ist). Was ist das letzte Wort, das ihr gelernt habt?
Beim Erwerb neuer Wörter (also beim Erweitern der Wortschatzbreite) und beim Hinzufügen von Informationen zu einem Begriff (also beim Erweitern der Wortschatztiefe) können Eltern und Bezugspersonen einen wichtigen Beitrag leisten. Wir lernen zum Beispiel, dass es nicht nur eine Art von Bär gibt, sondern Koalabären, Pandabären und Eisbären (Wortschatzbreite), und wir können mehr Informationen über Koalas sammeln. Ich habe zum Beispiel gerade gelesen, dass Koalas bis zu 20 Stunden schlafen, um Energie zu sparen – das ist sogar länger als Faultiere.
Wenn ihr mehr darüber erfahren möchtet, wie ihr eurem Kind helfen könnt, mehr Wörter und tieferes Wissen zu erwerben, hört in Folge 3 und Folge 4 unseres Podcasts Logopädie kompakt rein.
Apfel oder Pink Lady? – Hierarchien im Lexikon
Wenn wir mit unseren Kindern sprechen, fragen wir uns, welche Wörter wir verwenden sollten und welche sie verstehen können. Am Anfang gehören Wörter vor allem zur Basisebene einer Kategorie. Sie eignen sich, weil man sie gut begreifen oder erleben kann. Einen Apfel kann man zum Beispiel anfassen, an ihm riechen, ihn essen. Zu erklären, warum manche davon Pink Lady heißen, wird schon schwieriger (hm, wer sich diesen Namen wohl ausgedacht hat?!). Diese Unterbegriffe lernen wir später, unvollständig oder nie … Mir fallen außer Pink Lady, Granny Smith und Gala keine weiteren Apfelsorten ein.
Auch Oberbegriffe (wie Fahrzeuge) kommen später: Wenn wir mehr Wörter und mehr Wortmerkmale kennen, müssen wir sie in Kategorien einsortieren. Bis unser Trockner kaputtging, kannte ich auch nicht den Unterschied zwischen einem Ablufttrockner, einem Kondenstrockner und einem Wärmepumpentrockner. Und ich bin sicher, dass ich den Unterschied sehr schnell wieder vergessen werde. Denn wie häufig wir ein Wort verwenden und wie motiviert wir sind, es in unserem Lexikon abzuspeichern, spielt beim Merken neuer Begriffe eine wichtige Rolle. Ich wünschte, ich hätte die Motivation meines Sohnes, alle Figuren von Thomas, der kleinen Lokomotive, zu lernen. Außerdem wachsen unsere Lexika sehr individuell, je nachdem, welche Dinge und Menschen uns umgeben und welche Erfahrungen wir machen. Oder wer hätte gedacht, dass 2020 selbst Zweijährige die Wörter (Corona-)Virus und Maske in ihrem Wortschatz haben würden?
Taube oder Flamingo? – Was steht in eurem Lexikon?
Wie schon erwähnt, merken wir uns Wörter für Dinge, die zu unserer Umgebung gehören, und aus den Erfahrungen, die wir machen. Wenn ihr die Augen schließt und euch einen Baum vorstellt, was seht ihr? Wie sieht der Baum aus? Ich vermute, es ist so etwas wie eine Kastanie, eine Tanne oder der Kirschbaum aus dem Garten. Höchstwahrscheinlich ist es eine Baumart, die in unseren Breiten verbreitet ist und die ihr regelmäßig seht.
Die Antwort fiele sicher anders aus, wenn wir Menschen in Ägypten oder auf Bali fragen würden. Diese typischen Vertreter einer Kategorie nennen wir Prototypen. Im Allgemeinen lernen Kinder zuerst die Prototypen ihrer Umgebung und erweitern ihre Kategorien nach und nach um speziellere Vertreter.
Hund, bellen oder kuschelig? Welche Wortarten werden im Lexikon gespeichert?
Vorhin habe ich viel über das Benennen und Lernen von Gegenständen gesprochen (Nomen, wie Ball). Es werden aber auch viele andere Wortarten gelernt. Am Anfang sind zum Beispiel interaktive Wörter wichtig: Wir begrüßen uns mit „Hallo“ und beantworten Fragen mit „Ja“ (oder viel öfter mit „Nein“ – ich will gar nicht wissen, wie oft am Tag meine Kinder dieses Wort hören oder benutzen). Auch Namen von Menschen, die wir kennen, sind wichtig; Namen von Familienmitgliedern, Kita-Freund:innen oder Spielzeugfiguren tauchen ebenfalls auf (wessen Kinder haben Chase, Rubble, Skye und Marshall von der Paw Patrol fest in ihrem Wortschatz verankert?). Auch Lautmalereien sollte man nicht vergessen. Eine Bekannte von mir machte sich Sorgen, weil ihr Kind mit 2 Jahren nicht viele Wörter sprach, und war beunruhigt, dass es die Feuerwehr immer noch „Tatütata“ nannte. Sie war erleichtert zu hören, dass das als Wort zählen kann, das ihr Sohn in seinem Lexikon gespeichert hat. Auch relationale Wörter wie „da“, „auf“ oder „zu“ werden oft verwendet, wenn Kinder mit uns interagieren. Sie helfen ihnen und uns, die Umgebung zu beschreiben und Dinge zueinander in Beziehung zu setzen. Auch Interjektionen (oder Ausrufewörter) lassen sich beobachten. Ragnar kam, als er noch in eine englische Kita ging, schon früh mit dem Ausruf „oh dear“ nach Hause und fand viele Gelegenheiten, ihn zu benutzen. Ich dagegen muss mich immer zusammenreißen, damit unerwünschte Ausrufe wie „oh Sch…eibenkleister“ nicht ihren Weg in den Wortschatz meiner Kinder finden (als Ragnar erfolglos versuchte, einen Baustein auf einen anderen zu setzen, und das verbal mit „bloody hell“ begleitete, schrillten bei mir die Alarmglocken und ich wusste, dass es Zeit war, mein Fluchen besser in den Griff zu bekommen). Auch wenn anfangs Nomen überwiegen, werden mit der Zeit auch andere Wortarten gelernt, darunter Adjektive wie „groß“ oder „müde“ und natürlich Verben. Am Anfang werden oft sogenannte Allzweckverben (General-All-Purpose-Verben, GAP-Verben) benutzt. Mit „haben, geben, machen, kommen“ lassen sich viele verschiedene Handlungen und Situationen versprachlichen. Um Handlungen im Alltag genauer zu beschreiben („Papa tanzen“) und Wünsche mitzuteilen („Apfel essen“), braucht es aber auch andere Verben. Tipps, wie ihr kommunikative Situationen schaffen und den Wortschatz eurer Kinder erweitern könnt, findet ihr in unserem Podcast Logopädie kompakt, Folge 3 und Folge 4.
Wortschatzexplosion – wenn die Sprachentwicklung so richtig Fahrt aufnimmt
Nachdem sich die kleinen Racker mühsam Wörter erarbeitet haben, folgt ein deutlicher Anstieg der Wortanzahl. Allgemein geht man davon aus, dass Kinder mit 18 Monaten etwa 50 Wörter und mit 2 Jahren etwa 200 Wörter sprechen können.
Plötzlich schnappen Kinder Wörter mühelos auf, nachdem sie sie ein paar Mal gehört haben. Passt also auf, welche Wörter ihr euren Lieben anbietet :-). Meine Freundin war ganz verdutzt, als ihre Tochter nach einem Nachmittag Kochen mit Tante Blanca fröhlich immer wieder das Wort „Knoblauchpresse“ wiederholte (mein kleines Wortlern-Experiment war ein Erfolg ;-)).
Falls ihr nach dem Lesen dieser Richtwerte gestresst seid und denkt „Mensch, 50 oder 200 Wörter schaffen wir in diesem Leben nicht mehr“, denkt daran, dass es viele individuelle Lernverläufe gibt: Bei manchen Kindern beobachtet man einen rasanten Anstieg der Wörter, bei anderen einen allmählichen, linearen oder treppenartigen Verlauf (einen Überblick gibt Kauschke, 2015). Trotzdem lohnt es sich, darauf zu achten, ob Kinder einen Zuwachs an Wörtern zeigen, denn Studien haben gezeigt, dass der frühe Wortschatzerwerb eng mit dem späteren Wortlernen und der Grammatikentwicklung zusammenhängt (Rowe et al., 2012). Ein erweiterter Wortschatz ermöglicht es dem Kind also, Wörter zu kombinieren und erste Mehrwortäußerungen zu bilden. Etwa ab dem 2. Lebensjahr fangen Kinder an, Wörter zu kombinieren (Szagun, 2007).
Was meint sie bloß? Unverständliche Aussprache
Ich habe viel über die verschiedenen Wörter gesprochen, die Kinder bilden, aber was ist mit der Aussprache? Oft stehen wir vor unseren Kindern, raten und versuchen zu entschlüsseln, was sie uns sagen wollen. Ich habe Thorvi vor Augen, wenn sie merkt, dass ich sie nicht verstanden habe. Sie wiederholt das Wort wieder und wieder. Sie wird lauter, langsam wächst der Unmut. Schließlich wird sie wütend und verzweifelt. Puh, das sind schwierige Momente, und es tut mir jedes Mal leid, wenn ich merke, wie aufgebracht sie ist. Ich versuche dann, aus dem Zusammenhang zu erschließen, was sie meint, und wiederhole, was ich verstanden habe (z.B. „Wir sehen hier im Buch einen Hasen, meinst du den Hasen?“). In Folge 3 unseres Podcasts Logopädie kompakt sprechen wir über solche Situationen und darüber, was ihr tun könnt, damit die Kommunikation im Fluss bleibt.
Diese Momente sind anstrengend und frustrierend, aber in diesem Alter normal und kein Grund zur Sorge. Die Verständlichkeit verbessert sich mit der Zeit, und meist können Kinder mit 3 oder 4 Jahren deutlicher sprechen. Wir sollten aber im Hinterkopf behalten, dass wir unsere Kleinen besser verstehen als andere Bezugspersonen (wie Erzieher:innen) oder Fremde. Außerdem hängt die Verständlichkeit von der Situation ab. Wenn wir auf dem Teppich sitzen und ein Angelspiel spielen, verstehen wir eher, was das Kind sagen möchte. Wenn wir dagegen im Supermarkt einkaufen, ist es fast unmöglich herauszufinden, um welches der vielen bunten Dinge es gerade geht (außerdem müssen wir all die Hintergrundgeräusche ausblenden, die es schwer machen, das Gesagte zu hören, siehe z.B. McLeod, 2020). Wenn ihr euch einen Überblick über die Verständlichkeit eures Kindes verschaffen möchtet, könnt ihr euch die folgende Einschätzungsskala kostenlos herunterladen (Intelligibility in Context Scale, in vielen Sprachen verfügbar).
Wenn ihr die Skala verwendet, beachtet bitte Folgendes: Der Wert, der sich aus der Einschätzung ergibt, dient nur der Orientierung und ist kein diagnostischer Wert; mit der Skala lässt sich nicht beurteilen, ob die Verständlichkeit eine Therapie erforderlich macht. Wenn ihr unsicher seid, ob die Aussprache eures Kindes schwer verständlich ist, wendet euch an eure Kinderarztpraxis oder holt euch Rat bei einer Logopädin oder einem Logopäden.
Wie Kinder ihre Aussprache vereinfachen
Aber was macht die Aussprache von Kindern so schwer verständlich? Zum einen können sich die Betonungsmuster unterscheiden (das kann besonders dann der Fall sein, wenn Kinder mehrere Sprachen erwerben und die Wortbetonung in den Sprachen unterschiedlich ist). Zum anderen unterscheiden wir verschiedene Prozesse, die Wortformen vereinfachen. Das klassische Beispiel, dass aus „Banane“ „Nane“ wird, habe ich schon erwähnt. Hier ist die Wortstruktur betroffen. Eine ganze Silbe wird ausgelassen. Diese Art von Äußerungen (sogenannte strukturelle Prozesse) zeigt sich besonders zu Beginn der Sprachentwicklung. Auch die Silbenstruktur kann betroffen sein, d.h., Teile einer Silbe werden ausgelassen oder Laute werden hinzugefügt: Aus „Blume“ wird „Bume“, aus „Telefon“ wird „Telefo“ oder aus „Schlange“ wird „Lange“. Auch Ersetzungsprozesse lassen sich beobachten. Ein Laut kann zum Beispiel durch einen anderen ersetzt werden (man spricht auch von systemischen Prozessen). Eine sehr häufige Ersetzung ist die Vorverlagerung von „k“ zu „t“: Aus der „Kanne“ wird die „Tanne“ oder aus dem „Kuchen“ der „Tuchen“.
Auch Laute innerhalb eines Wortes oder einer Äußerung beeinflussen häufig die Aussprache (das nennt man Assimilation). So wird zum Beispiel aus „Hammer“ „Mammer“, weil das „m“ aus der Wortmitte an den Wortanfang übertragen wird und das „h“ ersetzt.
Fazit
In diesem Blog haben wir gelernt:
- Babys durchlaufen 2 Lallphasen (die zweite wird von der Umgebungssprache beeinflusst)
- Erste Wörter tauchen um den 12. Monat herum auf; mit etwa 18 Monaten sprechen Kinder etwa 50 Wörter, mit 2 Jahren etwa 200 Wörter. Das ist die Zeit, in der die sogenannte Wortschatzexplosion stattfindet und Kinder rasant neue Wörter lernen.
- Kinder über- und untergeneralisieren Wörter, bevor sie ihre lexikalischen Kategorien verfeinern (mehr Wörter lernen – Wortschatzbreite – und mehr Merkmale von Wörtern lernen – Wortschatztiefe)
- Auf Prototypen folgen speziellere Begriffe (Apfel vs. Pink Lady)
- Die Aussprache kann am Anfang sehr unverständlich sein; später zeigen Kinder Vereinfachungsprozesse, bei denen bestimmte Laute ersetzt oder die Silbenstruktur von Wörtern reduziert wird.
So, jetzt habe ich euch ganz schön viele Theorien und Fachbegriffe um die Ohren gehauen. Trotzdem hoffe ich, dass ihr es spannend fandet, einen Überblick über diese erste Phase der Sprachentwicklung zu bekommen.
Wenn ihr nach all den Fakten wissen möchtet, wie ihr eure Kleinen unterstützen könnt, schaut euch den folgenden Blog an. Und hier findet ihr 3 Dinge, an die ihr denken solltet, wenn ihr eurem Kind ein Buch vorlest.
Alles Gute,
Eure Blanca
Referenzen
Fasolo, M., Majorano, M., & D’Odorico, L. (2008). Babbling and first words in children with slow expressive development. Clinical Linguistics and Phonetics, 22(2), 83-94.
Fox-Boyer, A., & Schäfer, B. (2015). Die phonetisch-phonologische Entwicklung von Kleinkindern. In S. Sachse (Hrsg.), Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen – Kleinkindphase (S. 39-62). München: Elsevier.
Graf Estes, K., Gluck, S. C.-W., & Grimm, K. J. (2016). Finding patterns and learning words: Infant phonotactic knowledge is associated with vocabulary size. Journal of Experimental Child Psychology, 146, 34-49. doi:http://dx.doi.org/10.1016/j.jecp.2016.01.012
