In diesem Beitrag geht es darum, welche Aspekte im 1. Lebensjahr wichtig sind, damit die Interaktion zwischen euch und eurem Kind gelingt:

  • wie ihr eurem Kind helfen könnt, Sprache zu verstehen
  • warum ein gemeinsamer Fokus so wichtig ist
  • warum Gesten eng mit der Sprachentwicklung zusammenhängen und wie ihr sie mit euren Kleinen nutzen könnt.

Nummer 1: Elternsprache

Damit die Kinder ihre Aufmerksamkeit bei uns behalten, lernen wir früh, unsere Sprechweise an unsere Babys anzupassen. Ich habe meinen Mann nicht wiedererkannt, als er anfing, mit unseren Kindern zu sprechen. Wo war die tiefe, sonore Männerstimme geblieben? Jetzt klingelte es mir in den Ohren, wenn Frank anfing, mit Ragnar zu brabbeln, und zwar mit:

– hohen Tönen/Tonhöhenwechseln

– langen Pausen

– vielen Wiederholungen

– langsamem Sprechtempo

– kindgerechten Wörtern

Das sind die Merkmale der sogenannten Elternsprache. Weitere Begriffe, die ihr in der Literatur finden könnt, sind Ammensprache, Babysprache oder auf Englisch Motherese, Parentese bzw. Baby Talk.

Aber warum machen wir das überhaupt? Ein Grund ist, dass wir unseren Babys zeigen wollen, dass wir mit ihnen in Kontakt treten und auf ihre Signale eingehen möchten. Am Anfang reagieren wir auf jedes Schnaufen und Bäuerchen, ahmen Äußerungen nach, suchen intensiven Blickkontakt und verbinden das mit vielen Kuscheleinheiten. Das Kind wiederum schaut uns gebannt an und „antwortet“ mit Schnaufen, Lächeln, Glucksen. Es kommt zum sogenannten Turn-Taking. Das heißt, einer tut etwas, und der andere reagiert darauf.

Diese wechselseitigen Reaktionen, die noch keinen direkten Zweck oder keine bestimmte Absicht verfolgen, nennt man Protokonversationen. Sie sind wichtig, um zu lernen, wie Kommunikation funktioniert. Sie haben auch eine große Bedeutung für den Aufbau einer Beziehung zueinander.

In sogenannten Still-Face-Experimenten wurden Eltern gebeten, nicht auf die Interaktionsversuche ihrer Kinder zu reagieren. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass Kinder von ihrem Gegenüber eine Reaktion erwarten und mit Stresssignalen (z.B. Weinen, Schreien) reagieren, wenn sie keine Rückmeldung bekommen. Außerdem wurde beobachtet, dass die Kinder nach einer Weile weniger versuchten zu kommunizieren (siehe u.a. Liszkowski, 2015).

Ein Beispiel für ein solches Experiment findet ihr im folgenden YouTube-Video (Minute 0:33 bis 3:22). Die Erklärung ist auf Englisch. Ihr müsst aber nicht verstehen, was gesagt wird, denn selbst wenn ihr nur auf die Reaktionen des Kindes achtet, seht ihr, welchen Einfluss das Kommunikationsverhalten der Mutter auf das Kind hat.

Wir nutzen die Elternsprache auch, um unseren Kindern zu helfen, Sprache zu verstehen. Für unsere Babys ist es eine Herausforderung, aus dem ständigen Sprachfluss einzelne Wörter herauszufiltern. Außerdem muss das Kind die Bedeutung von Äußerungen verstehen. Eine wirklich anstrengende Aufgabe! Es hilft, wenn die Äußerungen kurz sind und wichtige Wörter betont und wiederholt werden.

Nummer 2: Gemeinsame Aufmerksamkeit

Gemeinsame Aufmerksamkeit (Joint Attention) ist so wichtig, weil sie einen gemeinsamen Rahmen für die Kommunikation schafft. Sie ist außerdem eine wichtige Grundlage für die Sprachentwicklung (Clarke, 2014).

Aber wer kennt das nicht: Man versucht, die Aufmerksamkeit von jemandem zu bekommen, und scheitert. Kinder sind oft sehr geschickt darin, uns zu ignorieren. Vor allem, wenn sie ihren Fokus auf eine bestimmte Sache richten sollen. Manchmal sind sie so in eine Sache vertieft, dass sie alles andere ausblenden. Und dann ist es auch gut, sie in Ruhe zu lassen, damit sie sich ganz einer Aufgabe widmen können. Es sei denn, es gibt Zeitdruck oder Handlungsbedarf, z.B. weil Gefahr droht.

Auch mangelndes Interesse kann ein Grund sein, warum das Kind nicht zuhört. Die Motivation ist hier wieder ein wichtiger Faktor. Deshalb lohnt es sich zu überlegen, wie gemeinsame Aufmerksamkeit aufgebaut werden kann. Sonst können selbst die gut gemeintesten Spiel- oder Gesprächsangebote ins Leere laufen.

Das kann für Eltern sehr frustrierend sein. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Manchmal bringe ich die (meiner Meinung nach) tollsten Spielmaterialien an und sitze dann bedröppelt da, wenn meine zwei Racker mich gekonnt ignorieren und zum 100. Mal dasselbe Puzzle auspacken.

Es liegt also immer an uns abzuwägen, wann wir versuchen, die Kinder für etwas Neues zu begeistern, und wann wir das aufgreifen, was sie gerade am meisten anspricht. Wichtig ist, dass wir ins gemeinsame Tun kommen und uns zusammen einer Sache zuwenden. Dabei ist es egal, um welche Spiele oder Materialien es geht. Die Einladung zur Interaktion kann verbal oder nonverbal sein. Wir können direkt sagen, was wir möchten, oder über Blicke, Mimik oder (Zeige-)Gesten zu einer Reaktion auffordern.

Jetzt haben wir endlich die Aufmerksamkeit unserer Lieben, und dann? Wichtig ist, dass unsere Kinder ihre Aufmerksamkeit immer wieder zwischen uns und dem Gegenstand hin- und herwechseln können. Zum Beispiel schauen sie mal auf das Polizeiauto und mal zu uns, um zu sehen, was wir tun oder sagen. Dann wenden sie sich wieder dem Polizeiauto zu. Und damit sind wir bei unserem nächsten Punkt, der Triangulierung.

Triangulierung: Die nutzen wir, wenn wir gemeinsam mit unserem Gesprächspartner oder unserer Gesprächspartnerin etwas anschauen. Hier ein Beispiel aus dem Alltag: Mein Mann ruft mit strahlendem Lächeln: „Schau mal hier!“ Ich höre auf zu schreiben, schaue ihn an, schaue auf die Wassermelone und sage: „Lecker, endlich wieder Melonenzeit, schneid sie bitte auf.“

Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf die Person, die mit uns sprechen möchte. Dann schauen wir auf den Gegenstand, über den kommuniziert werden soll. Mal schauen wir auf die Person, mal auf den Gegenstand. Wenn wir unsere Blicke nachzeichnen, ergibt sich ein Dreieck – deshalb spricht man von Triangulierung.

Kommunikation gelingt, wenn Kinder gleichzeitig etwas anschauen, selbst etwas „sagen“ (z.B. quietschen) und ihr Gegenüber direkt darauf reagiert (z.B. Gillion et al., 2013; Donnellan et al., 2020). Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich solche Situationen positiv auf die Sprachentwicklung auswirken.

In den 3 Studien von Donnellan und Kolleg:innen (2020) wurde die vorsprachliche Kommunikation von fast Einjährigen untersucht. In der 1. Studie stellten die Forschenden fest, dass die Kinder Gesten, Lautäußerungen und Blicke zu ihren Bezugspersonen gezielt koordinierten, um mit ihnen zu kommunizieren. In der zweiten Studie untersuchten sie, ob es einen Zusammenhang zwischen diesen gezielten Kommunikationsversuchen und dem späteren Wortschatzumfang gibt. Und tatsächlich! Sie waren die wichtigsten Prädiktoren für den Wortschatzumfang im zweiten Lebensjahr. In der 3. Studie fanden Donnellan und Kolleg:innen heraus, dass Eltern auch eher auf diese Kommunikationsversuche reagierten und mit den Kindern sprachen. Die Kombination aus den Kommunikationsversuchen der Kinder und den Reaktionen der Eltern sagte den späteren Wortschatzumfang mit Abstand am besten vorher. Die Studien unterstreichen also: Kinder lernen Wörter besser, wenn Eltern auf die Gesten, Blicke und Äußerungen ihrer Kinder mit passender Sprache reagieren (Elternsprache!).

Ein einfaches Beispiel für einen solchen Austausch könnte so aussehen: Das Baby quietscht, zeigt auf seinen roten Lieblingsball und schaut die Oma an. Sie reagiert sofort und sagt: „Oh ja, da ist dein roter Ball. Der rote Ball, juhu. Ich roll dir den Ball. Hier ist er.“

Nummer 3: Gesten und warum sie so hilfreich sind

Manche Menschen gestikulieren wie wild, andere weniger. Zu welcher Gruppe gehört ihr?

Abgesehen davon, dass wir je nach Persönlichkeit unsere Hände mehr oder weniger einsetzen: Gesten sind ein wichtiges Werkzeug in der Kommunikation. Wir können ikonische Gesten, deiktische Gesten, Taktstockgesten (Beats), Embleme und Gebärden unterscheiden (siehe Lüke et al. 2011). Puh, so viele Fachbegriffe, aber keine Sorge. Sie beschreiben nur Unterschiede darin, wie und warum wir unsere Hände benutzen. Die zwei wichtigsten möchte ich hier besprechen, weil sie während der Sprachentwicklung besonders wichtig sind:

  1. Ikonische Gesten: Ein Ikon ist ein Abbild oder eine Kopie. Eine ikonische Geste bildet also einen Gegenstand oder eine Handlung ab. Sie hilft, das Gesagte besser zu beschreiben. Wenn wir z.B. im Wildpark vor einem Gehege stehen und sagen wollen, dass der Hirsch ein großes Geweih hat, heben wir die Arme und formen mit den Händen das Geweih nach.
  2. Deiktische Gesten: Deiktische Gesten stellen einen Bezug zu etwas her. Das kann eine Person, ein Gegenstand, ein Ort, eine Handlung oder eine Richtung sein. Deiktische Gesten sind meistens Zeigegesten.

Ich war froh, als meine Kinder anfingen, Gesten zu benutzen. So konnte ich besser verstehen, was sie eigentlich von mir wollten. Wenn sich z.B. der Finger in Richtung Lego-Duplo-Kiste bewegte, wusste ich zumindest grob, was Ragnar im Sinn hatte.

Kinder lernen schnell, dass sie mit Gesten Bedeutung vermitteln und eine Reaktion von ihrem Gegenüber erwarten können. Umgekehrt verstehen sie, dass eine Geste mit einer Absicht verbunden ist oder dass man sich auf etwas beziehen möchte (u.a. Tomasello, Carpenter & Liszkowski, 2007). Das ist eine wichtige Vorstufe in der Sprachentwicklung. Und so zeigen mehrere Studien, dass Gesten ein wichtiger Faktor (Prädiktor) für die spätere Sprachentwicklung sind. Das heißt, Menge und Qualität der Gesten beeinflussen den frühen Spracherwerb (siehe u.a. Colonnesi et al., 2010; McGillion et al., 2017; Rohlfing et al., 2017).

Deshalb ist es sinnvoll, Gesten in den Alltag einzubauen. Es gibt ganze Elterntrainings, in denen solche sprachbegleitenden Gesten vermittelt werden (siehe u.a. das KUGEL-Programm für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen). Ihr könnt euch aber auch selbst überlegen, welche Gesten für euch sinnvoll sind und den Kleinen die Kommunikation erleichtern würden.

Wir hatten hauptsächlich 2 häufig genutzte Gesten, eine fürs Essen (Fingerspitzen zusammen und Hand zum Mund) und eine fürs Schlafen (flache Hand ans Ohr und Kopf zur Seite geneigt). So konnten zwei Grundbedürfnisse gestisch mitgeteilt werden :-). Ansonsten habe ich immer versucht, mein Sprechen mit Gesten zu begleiten (z.B. „Möchtest du hochgehoben werden?“ und dabei die Arme von unten nach oben schwingen). Es gibt aber auch viele lustige Lieder oder Reime, in die Gesten eingebaut sind (wir haben früher stundenlang „The Wheels on the Bus“ und „Five Little Fishes“ gesungen).

Nutzt ihr zu Hause Gesten? Wenn ja, welche? Welche haben bei euch gut funktioniert und welche konnten eure Kinder gut umsetzen?

Fazit

Noch einmal kurz zusammengefasst, die wichtigsten Botschaften zum Mitnehmen:

  • Auch wenn es anfangs keinen Sinn zu ergeben scheint: Plaudert so viel wie möglich mit euren Kindern. Nutzt die Elternsprache. Ihr findet es vielleicht albern, aber eure Kinder lieben es!
  • Seid aufmerksam und reagiert auf die Kommunikationsversuche eures Kindes. Ein gemeinsamer Fokus (Triangulierung) ist wichtig.
  • Gesten erleichtern die Kommunikation und sind eine gute Strategie, vor allem, wenn Kinder erst wenige Wörter sprechen können.

Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, wie ihr eure Kinder unterstützen könnt und was wir mit unseren Kindern gemacht haben, hört in unseren Podcast Logopädie kompakt (Folge 4) rein.

Und in meinem nächsten Blog geht es um Sprachförderung und darum, wie ihr eure Kinder im Alltag gezielt dabei unterstützen könnt, die Bedeutung von Dingen/Handlungen zu verstehen und ihren Wortschatz zu erweitern.

Also dann, mit dem Ohrwurm „Five Little Fishes“ im Kopf sage ich: Macht’s gut, bleibt gesund und fröhlich!

Eure Blanca

Referenzen

Clarke, E. (2014). Pragmatics in acquisition. Journal of Child Language. 41(Supplement S1): 105-116.

Colonnesi, C., Stams, G. J. J. M., Koster, I., & Noom, M. J. (2010). The relation between pointing and language development: A meta-analysis. Developmental Review, 30(4), 352-366. doi:10.1016/j.dr.2010.10.001

Donnellan, E., Bannard, C., McGillion, M. L., Slocombe, K. E., & Matthews, D. (2020). Infants’ intentionally communicative vocalizations elicit responses from caregivers and are the best predictors of the transition to language: A longitudinal investigation of infants’ vocalizations, gestures and word production. Developmental Science, 23(1), e12843. doi:https://doi.org/10.1111/desc.12843

Liszkowski, U. (2015). Kommunikative und sozial-kognitive Voraussetzungen des Spracherwerbs. Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen – Kleinkindphase. S. Ringmann and J. Siegmüller. München, Elsevier: 27-38.

Lüke, C., Rohlfing, K., & Stenneken, P. (2011). Gebärden und kommunikative Mitteilung bei Kindern mit umschriebener Sprachentwicklungsstörung. Sprache · Stimme · Gehör, 35(04), e149-e157. doi:10.1055/s-0031-1287816

McGillion, M., Herbert, J. S., Pine, J., Vihman, M., dePaolis, R., Keren-Portnoy, T., & Matthews, D. (2017). What paves the way to conventional language? The predictive value of babble, pointing, and socioeconomic status. Child Development, 88(1), 156-166. doi:10.1111/cdev.12671

Rohlfing, K. J., Grimminger, A., & Lüke, C. (2017). An interactive view on the development of deictic pointing in infancy. Frontiers in Psychology, 8. doi:10.3389/fpsyg.2017.01319

Tomasello, M., Carpenter, M. & Liszkowski, U. (2007). A new look at infant pointing. Child Development 78(3): 705-722.